· 

Ich denke zuviel (Christel Petitcollin)

Klingt gut, noch besser ist der Untertitel: Wie wir das Chaos im Kopf bändigen können.

 

Musste ich sofort bestellen und lesen:

 

Im ersten Teil wird ausführlich die andere Funktionsweise des Gehirns beschrieben, das von der rechten Gehirnhälfte dominiert wird. Manches davon lässt an intellektuelle Hochbegabung denken, zum Beispiel die sprunghafte Denkweise. Oder besser gesagt: Manches lässt an eine bestimmte Art der hochbegabten Denkweise denken – denn es gibt wohl unter Hochbegabten auch strikt linear und logisch denkende Menschen.

 

Die Autorin rät ihren LeserInnen übrigens von der Durchführung eines Intelligenztests ab, und ich kann ihre Gedanken zum Teil nachvollziehen: Sie geht davon aus, dass es Menschen gibt, deren Gehirn von der rechten Gehirnhälfte dominiert wird und deshalb haben diese Menschen eine Tendenz, in „Netzwerken“ zu denken. IQ-Test hingegen werden von linksdominierten Menschen entwickelt, folgen daher einer anderen Logik und werden der speziellen Begabung rechtsdominierter Menschen nicht gerecht. Dem kann ich, wenn es um unterschiedliche Arten zu denken geht, durchaus zustimmen. (Auch wenn man dann kognitive Hochbegabung anders definieren muss.)

 

Ein weiteres Merkmal für Rechtsdominanz ist die Übersensibilität. Auch diese wird mit kognitiver Hochbegabung in Zusammenhang gebracht, und das macht aus meiner Sicht auch Sinn (das Gehirn weist quasi allgemein eine höhere Intensität auf, nicht nur bei kognitiven Anforderungen).

 

Diese beiden Merkmale unterscheiden rechtsdominierte Menschen von ihrer sozialen Umwelt – und genau das bekommen sie (mehr oder weniger deutlich) vermittelt: „Du bist anders!“ – „Sei doch nicht so empfindlich!“ – „Denk doch einfach nicht daran!“.

 

Dass rechtsdominierte Menschen diese „Bewertungen“ ihrer Umwelt spüren (und aufgrund ihrer besonderen Sensibilität besonders intensiv spüren) liegt auf der Hand. Und dass dadurch die Entwicklung ihrer Identität und ihres Selbstwertgefühls beeinflusst werden, ist logisch.

 

 

 

So weit kann ich dem Buch durchaus einiges abgewinnen, da es die Lebenssituation jener Menschen, die netzwerkartig denken und hochsensibel sind, verständlich und gut beschreibt. Da kann sich manche einer wiedererkennen.

 

Und ja: Ein erster Schritt zum „Glück“ ist es, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Seine eigene Denkweise und seine eigene Weise, Emotionen zu erleben anzunehmen. Die konkreten Tips, die der Untertitel verspricht, füllen leider nur wenige Seiten des Buchs und muten ein bisschen banal an. Trotzdem seien sie hier angeführt: „Leben ist lernen“, „Sport“, „Kreativität“, „Schönheit im weitesten Sinn“ und „Liebe und Zärtlichkeit“. Wie sich dies allerdings im ganz normalen Alltagsleben umsetzen lässt, darüber schweigt das Buch. Schade.

 

 

PS. Aus meiner Sicht nimmt das Thema „Paarbeziehung zwischen Hochsensiblen und Narzissten“ zu viel Raum ein – ich sehe den Zusammenhang mit dem Titel nicht wirklich.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0