Kreativ sein


Da gibt es ja nun in jeder Zeitschrift eine Rubrik „Kreativ“, die Anleitungen zum Basteln, Upcyclen und Heimwerken anbietet; auch vergessen geglaubte Fertigkeiten wie Nähen, Stricken und Häkeln sind plötzlich wieder „in“.

 

Doch worum geht es bei dieser Art von Kreativität? Wir folgen einer (mehr oder weniger genauen) Anleitung mit dem Ziel, dass das Produkt unserer Arbeit genauso aussehen möge wie das Foto in der Zeitschrift, genauso gut gelungen  sein soll, genauso gut funktionieren soll. Und wir wollen voller Stolz ein Foto von unserem Produkt posten und hoffen auf viele Likes 😉.

 

Obwohl wir hier mit unseren Händen arbeiten, etwa kreieren, etwas schaffen, ist dieser Prozess in meinen Augen nur selten ein kreativer Prozess. Denn hier geht es in erster Linie darum, einer Anleitung möglichst genau zu folgen, um das nochmal zu erzeugen, was ein anderer genauso schon gemacht hat.

 

Und hier fehlt mir der „kreative  Funke“ – dass etwas Neues geschaffen wird, etwas, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Dass etwas Einzigartiges entsteht, ein neuer Blick auf die Welt, eine neue Kombination, eine neue Zusammensetzung…

 

 

 

Das kann eigentlich nur passieren, wenn wir frei von detaillierten Anleitungen sind und wenn wir sicher sind, dass unser Werk nicht bewertet werden wird … nur dann können wir uns selbst in unserem Werk ausdrücken. (Hier wird klar, wieso Zeichen- und Werkunterricht nicht immer die Kreativität fördern…).

 

 

 

Unsere freie Kreativität kann sich natürlich ein Ziel suchen, z.B. wenn wir die Idee zu einem Bild haben und sie verwirklichen oder wenn wir ein besonders gelungenes Foto machen wollen oder wenn wir ein einzigartiges Kleidungsstück nähen, wenn wir eine Geschichte spannend erzählen…

Bei mir sieht das dann zum Beispiel so aus:

 

Kreativität entfaltet sich aber gerne auch „ganz frei“ – das lässt sich gut bei sehr kleinen Kindern beobachten, die noch keinen Gedanken daran verschwenden, was sie denn eigentlich malen oder zeichnen wollen sondern sich allein an den Spuren der Farben auf dem Papier (dem Tisch, dem Fußboden, der Wand, dem Körper…) freuen. Im Erwachsenenalter „bricht“ diese freie Kreativität manchmal durch, wenn uns langweilig ist und wir zu kritzeln beginnen (im Meeting oder beim Telefonieren)…

 

 

Kritzelei beim Telefonieren

Restebild auf dem Blatt, wo Farben gemsicht wurden (entstanden mit einem Schaschlik-Spieß ;-) )

Allen diesen Formen von Kreativität ist eines gemeinsam: Wir schaffen etwas und vielleicht kommen wir in einen psychischen Zustand, der sich von unserem üblichen Befinden unterscheidet: Wir sind versunken in das, was wir tun und sind glücklich mit dem, was wir tun.

 

Und es kann passieren, dass der Wunsch nach einem „schönen Bild“ nebensächlich wird 😉.